You All Look The Same To Me ist nach dem starken Erstling Londinium und nach dem durchzogenen Take My Head das dritte Studioalbum von Archive. Es ist zudem das erste Album mit dem Sänger Craig Walker (Ex-Power of Dreams).
Die manchmal nicht ganz zu durchschaubare Archive-Familie um Mastermind Darius Keeler und Danny Griffiths haben sich so ca. im Jahre 2000 wieder zusammengetan, um nach diversen Quelereien wieder ein gestandenes Archive-Album zu veröffentlichen. Nach dem stark Trip-Hop geprägten Londinium und dem poppig dahinplätschernden Take My Head scheinen die Herren in dieser Zeit irgendwie ihre melancholisch, düstere Seite entdeckt zu haben. Leichte Kost war gestern.
Schon mit ihrem Opener “Again“, der über 16 Minuten dauert, verabschieden sie sich von der Welt der simplen Songsstruktur und der Radiotauglichkeit. Hier wurde Schmerz in Klang verpackt. Still und Leise beginnt der Song, baut sich synthetisch auf, bis am Schluss der Text (“I don’t know why // Without your Love // It’s tearing me apart”) gegen epische Wände aus Hammond-Orgeln, Gitarren und Drums angeschrien wird. Entfernte Reminiszenzen an Pink Floyd lassen sich hier nicht verleugnen, obwohl der Sound von Archive weit rauer daherkommt.
Der zweite Track “Numb” ist vom Aufbau her ähnlich gestaltet. Leise erhebt sich ein Stakkato-Repetitiver-Schlagzeugbeat aus der Stille, nur begleitet von Stimme und minimster Elektronik (hier Grüssen Radiohead aus der Ferne). Kurz vor der zweiten Minute des Stücks, wird man als Hörer dann aus der totalen Monotonie gerissen und es werden einem herzhaft Schrammel-Gitarren um die Ohren gehauen. Brit-Pop lässt grüssen.
Mit “Meon” begeben sich Archive in bekannte, spährische Trip-Hop-Gefilde. Ein ruhiger Song, der vom Groove, der Hammond-Orgel, den Streicher und dem Zusammenspiel von Craig Walkers und (vermutlich) Maria Q’s Stimme lebt. Ein weiterer fast sechsminütiger Song, der sich harmonisch in das archivsche Klanguniversum einfügt, ohne aber gross herauszustechen.
In “Goodbye” wird zur Abwechslung der 4/4-Takt verlassen und herzerweichend im 3/4 Takt in einer Mischung aus Kinderliedromantik und Drumcomputerwalze der Abschied in Balladenform betrauert. Für mich ein wenig zu viel Verzweiflung des Guten. 5.43 Min. Schmerz beeinträchtigen einem auch als Hörer. In dem Sinn; Ziel erreicht.
Darauf folgen mit den Intermezzos “Now and Then” und “Seamless” filigrane Soundgebilde.
Während “Now and Then” noch aus Piano, Stimme und dezentem Hintergrundlärm besteht, reduziert sich “Seamless” sogar auf ein Gefüge aus Synthesizer und eine Art Echolot. Durchaus eine interessanter Kontrapunkt zu den Langdistanz-Stücken “Again” und dem folgenden Song.
“Finding It So Hard” schlägt in einem 15 minütigen Spannungsbogen wieder ganz andere Töne an. Über monotone Drum’n’Bass-Beats türmen sich nach einer Weile wieder Pink Floyd-ähnliche Soundgebilde auf, die immer mehr zu überschlagen drohen, bevor sie und die Stimme leise in Analogie und Hammond untergehen.
Klassischer Trip Hop wird im Song “Fool” geboten. Schwere Beats bilden zusammen mit Synthesizer-Batterien einen dichten, fetten Sound, der sich langsam treibend vorwärtsschiebt. Das ganze korrespondiert zudem äusserst gut mit Walkers Stimme. Gerade aufgrund der reduzierten Wuchtigkeit und der feinen Instrumentalisierung (“Supertramp-Mundharmonika inklusive) ist er für mich einer der besten Songs auf der CD.
Ganz entgegen dem Songtitel kommt “Hate” nicht als Brachialstück daher. Geradezu orchestral in Begleitung von Streichern, Piano und Trompete werden Unfreundlichkeiten losgelassen, die in dieser Verpackung eher depressiv und verzweifelt denn Böse klingen.
Zum Ausklang liefern Archive noch ein Singer-Songwriter-Stück. “Need” entlässt uns ganz sanft aus dem Album und schliesst ein durchaus gelungenes, wenn für mich aber nicht ganz überzeugendes Album ab. Es wirkt über das ganze ein wenig zu zerfahren. Mit dem Spagat zwischen Trip Hop, Indie und Post-Rock haben sich Archive definitiv auch keine leichte Aufgabe gestellt. Sie haben aber auch bewiesen, dass dieser Spagat möglich ist. Wo ihr Vorgängeralbum noch in den Pop abzudriften drohte, haben sich Archive mit dem Griff zu härteren Gitarren und massigeren Synth-Sounds wieder auf den Weg in eine musikalische Eigenständigkeit gemacht.
Wenn man sich die CD zulegen will würde ich übrigens die “Tour-Edition” kaufen. Darauf werden auf einer zweiten CD Extra-Tracks mitgeliefert, von denen es meines Erachtens einige auf das Hauptalbum hätten schaffen sollen. Man höre dazu den Track “Sham“.
(twintip)
Wer Archive kennt, weiss, das die Band auf dramatische Herz-Schmerz-Musik steht und diese Vorliebe meist brilliant, manchmal aber auch etwas stark übertrieben rüberbringen kann. Beim ersten Album wurde die schöne Musik noch oft durch unpassende Raps gestört, das zweite geriet wunderbar schnulzig, und jetzt, nach weiteren zwei Jahren Wartezeit ist mit “You All Look The Same To Me” ein Meisterwerk erschienen, bei dem man sagen kann, dass die Band zu ihrem endgültigen ausgereiften Stil gefunden hat. Stolze 72 Minuten dauert die CD, und das trotz der relativ kurzen Playlist von 11 Titeln. Begonnen wird die Odyssee der Gefühle mit einer Mammut-Ballade von 16:30 Minuten Länge (“Again“), bei der sich einem vor Lust die Nackenhaare sträuben. Auffallend ist die sehr professionelle Stimme des Sängers, die stark an Radiohead-Frontmann Thom Yorke erinnert und perfekt in der Musik aufgeht; dazu wunderschöne Streicher, Mundharmonika-Einlagen, schleppende Beats und eine gute Prise Elektronik (die Songs bei ihren Höhepunkten unerträglich laut zu machen, haben sich Archive übrigens inzwischen auch abgewöhnt).
Als nächstes folgt “Numb“, ein düsterer Song, der wie eine härtere Version von Massive Attacks “Heat Miser” anmutet; weiter mit “Meon”, welches einen (auch dank der Sängerin) an das letzte Album “Take My Head” erinnert.
Dann kommt mein absoluter Favorit des Albums, “Goodbye“. Ruhiger Gesang und sanfte Töne wie von einem Einschlaflied für Kinder gleiten sanft durch den Raum und werden nach knapp einer Minute durch ultrageniale Beats ergänzt, die einen vor Begeisterung aus dem Sessel hüpfen lassen. Unbeschreiblich einfach, und wer diesen Song bei passender Atmosphäre hört, wird kaum die Tränen unterdrücken können.
So und ähnlich gestaltet sich das gesamte Album, es gibt keinen einzigen Durchhänger, einzige Voraussetzung für den ungetrübten Musikgenuss ist ein Abend nur für diese CD, denn die Songs brauchen Aufmerksamkeit und wollen als ein grosses Ganzes gehört werden und nicht nach und nach – erst dann entfaltet “You All Look The Same To Me” seine ganze unglaubliche Wirkung.
Außerdem geben einem solche Alben die beruhigende Gewisheit, daß da immer noch Bands sind, die ihr Ding durchziehen und sich von keinen Trends beeinflussen lassen. Zugreifen ohne zu zögern. Es lohnt sich!
P.S.: Den auf der CD enthaltenen Zugang zum geschützten Bereich der Archive-Webseite kann man sich sparen: lediglich ein paar unveröffentlichte Tracks als Stream und ohne Downloadmöglichkeit sind dort verfügbar.
Daniel Sucké
Tracks:
- again
- numb
- meon
- goodbye
- now and then
- seamless
- finding it so hard
- fool
- hate
- need
Rating: 























