Review: Lamb – Fear of Fours

(17.05.99 / Mercury)

Still und leise haben Sie sich zurückgemeldet. Nachdem sie unter dem Pseudonym Little Sheep am 22. Mai 2009 im Concorde2 in Brighton wieder zurück ins Rampenlicht traten, werden Sie uns am 29. August 2009 unter ihrem richtigen Namen an den Winterthurer Musikfestwochen beehren. Mit im Gepäck sollen alt bekannte Lamb-Songs wie “Gorecki“, “Lusty“, “Trans Fatty Acid” und “Gabriel” sein. Die ersten drei stammen von ihrem Erstlingswerk Lamb, das mit zu den prägendsten Alben der frühen “Trip Hop”-Jahren gezählt wird.

Von ihrem zweiten Album Fear of Fours hat leider kein Song je den Bekanntheitsgrad der oben genannten erreicht (Werbung sei Dank, oder eben nicht). Zum Glück ist dies jedoch nur ein Barometer für finanziellen Erfolg und nicht für die Qualität eines Werkes. Denn Lamb schaffen es auf ihrem zweiten Album ihren Weg konsequent weiterzugehen.

Musikalisch pendelt das Ganze gewohnt-gekonnt zwischen Trip Hop, Drum’n'Bass, Klassik (in diesem Album nicht mehr so präsent wie im Vorgänger) und Jazz (der Kontrabass erfreut sich nach wie vor grosser Beliebtheit) hin und her, ohne sich in einer Stilrichtung zu verbeissen. Im Vergleich zum Vorgänger-Album kommt jedoch das Ganze etwas runder daher (nein, ich möchte hier nicht den Ausdruck “poppiger” bemühen). Man mag den Verlust von Ecken und Kanten beklagen, aber zum Glück haben Lamb noch genügend Vorsprung zum Mainstream, dass sie nicht im Einheitsbrei unterzugehen drohen (der Albumtitel wurde übrigens aus Abneigung vor dem 4/4 Takt ausgewählt). Es wurden einfach zugunsten von Groove-Aspekten einige dekonstruktive Ansätze (man höre dazu “Cotton Wool” vom Album Lamb) gestrichen. Das Duo bringt aber auch auf ihrem Zweitwerk nach wie vor genügend Intensität, Emotionen, soundtüftlerisches Können und textliches Differenzierungsvermögen mit, um daraus ein dichtes, sehr gutes Album entstehen zu lassen.
Durch dichte, treibende Groove- und Soundgebilde schneidet sich der Gesang in gewohnt scharfer, rhodes’scher Manier den Weg frei. Auch wenn das Ganze sehr gegensätzlich anmuten mag; bei Lamb ist und bleibt es Programm.

Lou Rhodes, die Sängerin mit den Folk-Eltern, die aus der Songwriter-Ecke kommt, gegen den elektronischen Soundspezialisten Andy Barlow, der sich geschworen hat, niemals Songs zu schreiben. Mag man in der recht gegensätzlichen Vergangenheit der beiden Lamb-Mitglieder den Schlüssel zu Eigenständigkeit und Erfolg vermuten; den Songwriting-Prozess sehen Sie jedoch als äusserst sozialen, gemeinschaftlichen Akt. Dieses Duo schaukelt sich nicht an ihren Differenzen in innovative Höhen, sondern setzt auf Zusammenarbeit, die sich ein weiteres mal auszahlt.

Das Songwriting wurde von Lou Rhodes in einem Interview folgendermassen beschrieben:
“Wir vergleichen den Songwriting-Prozess nicht mit einem zähen Ringen, sondern mit einer Wanderung durch die Dunkelheit, bei dem wir  abwechselnd die Fackel der Inspiration tragen, die eine Idee zum Song werden lässt. Wir glauben an die Kraft der Intuition, deshalb ist das Musikmachen für uns kein intellektueller, sondern ein gefühlsbetonter, fast schon kathartischer Prozess. Unsere Aufgabe ist es, eine Atmosphäre herzustellen, in der Fehler möglich werden, denn so sehr wie von Ideen lebt unsere Musik vom falschen Gebrauch der Technologie.”

Im “kathartischen”  Sinne mag das Zweitwerk von Lamb nicht mehr ganz an das stärkstens expressive Lamb-Album anschliessen. Man kann es aber auch einfach als Reifeprozess betrachten, der das Duo etwas zur Ruhe hat kommen lassen. Da aber zum Glück in der Musik den Gefühlen (in welchem Stadium auch immer) noch freien Lauf gelassen werden kann, werden wir auch in Zukunft gerne noch viele solcher “Fehler”- belastete Alben in Kauf nehmen.

(twintip)


Tracks:

  1. Soft Mistake
  2. Little Things
  3. B Line
  4. Fear Of Fours
  5. All In Your Hands
  6. Less Than Two
  7. Bonfire
  8. Ear Parcel
  9. Softly
  10. Here
  11. Fly
  12. Alien
  13. Five
  14. Lullaby

Rating: ★★★★★★★★★☆


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