Musikvideos bald auf dem Müllberg der Geschichte?

Allerorts wird von Kulturpessimisten der qualitative Niedergang der Musikwiedergabe beklagt (vgl. z.B. hier oder das Interview mit Prof. Dr. Kittler, “Mp3 ist der Tod der Musik” in SPEX 314, Mai/Juni 2008) – das mp3-Format sei mit seinem Datenreduzierungsvorgang eine regelrechte Vergewaltigung des musikalischen Tonspektrums. Die Qualitätseinbusse ist in dieser Sichtweise gleichsam der Preis, den wir für die allgemeine Verfügbarkeit und die rationelle Speicherbarkeit zahlen.

Ungleich höher ist die Qualitätsreduktion jedoch bei den Musikvideos. Während MTV zwar praktisch keine Sound-Clips mehr zeigt oder der Konsum zumindest mit einer hohen Off-Topic-Toleranz verbunden ist, leisten Seiten wie YouTube ihren Beitrag zur absoluten Verfügbarkeit eines jeden beliebigen Bild-Ton-Dokuments. Doch da hier nicht nur eine Audiospur, sondern auch der noch datenintensivere Bildkanal komprimiert wird, ist insgesamt die Qualitätseinbusse ungemein grösser als beim Musiktrack.

Dieser Umstand wird selten beklagt, wohl deshalb, weil Musikvideos je länger je mehr gar nicht an einem optimalen Wiedergabemodus gemessen werden und nicht mehr als eigenständiges Medium gelten, sondern eine reine Promotions- und Hilfsfunktion im Handybildschirmformat besetzen oder als Pausenfüller zwischen Jackass und Pimp My Ride dahindümpeln. Wer diese Qualitätslücke überwinden will, muss sich DVDs mit Clip-Sammlungen der jeweiligen Bands zulegen und sich in immense Unkosten stürzen, um ein Musikvideo auf dem hauseigenen Screen und über anständige Boxen abspielen zu können.

Die Symptome verdichten sich zur Frage: Wird das Musikvideo durch die schrumpfenden Einnahmen im Musikgeschäft und den qualitativen Niedergang weiter an künstlerischem Gehalt und an Stellenwert im Markt und in der Rezeption verlieren? Schade wär’s, gehören doch viele Exemplare zu den gelungensten Bild-Ton-Verknüpfungen, die mir bekannt sind. Und wer würde gleichzeitig die zwiespältigen Errungenschaften der neuzeitigen Datenarchive missen wollen? Jederzeit auf YouTube ein 80ies-Video anschauen, im Blog auf schöne Exemplare verlinken (siehe unten), den jüngsten Ladytron-Clip geniessen, ohne stundenlang oder gar vergeblich durchs Musikfernsehen zu dräunen. Doch ev. lassen sich diese Vorteile bald ohne scheinbar mediumbedingte Qualitätseinbusse nutzen – ich denke an die Verbindung von Video on Demand und Internetdiensten, an die Integration von (hochaufgelöstem!) Clip-Archiv, Fernsehgerät und meinem Last.fm-Profil, was mir ermöglichen würde, meine bevorzugten Video-Clips in guter Qualität über den TV-Screen zu schauen.

Warten wir es ab. Bis dahin gibt es ja schon länger die Möglichkeit, Last.fm-gesteuert YouTube-Videos zu gucken. Und damit wir unterdessen die Grossartigkeit von Musikvideos nicht vergessen, hier ein paar Exemplare von UNKLE feat. Thom York und Massive Attack (beide von Jonathan Glazer) und Ladytron:

  • Rabbit in Your Headlights by UNKLE ft. Thom Yorke (1998)

Anmerkung: Eigentlich hätte ich an dieser Stelle auch gerne den genialen UNKLE-Clip “Burn my Shadow” platziert, doch das Einbetten wird seitens des Copyright-Inhabers nicht erlaubt – wahrscheinlich aufgrund von qualitativen Vorbehalten und künstlerischen Ansprüchen. Recht so. Stattdessen einfach der Link:

http://www.youtube.com/watch?v=ELldClERwyk


2 responses so far, want to say something?

  1. grid says:

    Vor allem, wenn man da Videoclips sieht wie jenes von Björks Wanderlust (siehe hier), ist es eine Schande, dass dieses nie gezeigt wird.

  2. Neuer Ladytron-Videoclip (”Runaway”) | Out of space :: Blog says:

    [...] Videoclip als Medium leider nicht mehr soviel genutzt wird wie auch schon (siehe unseren Beitrag hier), gibt es dennnoch immer noch viele Erwähnenswerte neue Clips zu [...]

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