Gurtenfestival 2009: Tricky

Verstörend, dunkel, verrückt, intensiv. Tricky war ein Diktator, ein Priester, ein Gejagter, aber auch, und dies ist bei seinen Auftritten nicht selbstverständlich (siehe hier), ein Entertainer. Zu einem Track ab Band und in vollkommener Dunkelheit betraten Adrian Thaws und seine Band die Hauptbühne und während einiger Minuten bestand die einzige Handlung des Briten darin das Publikum mit einer Taschenlampe abzusuchen. Urplötzlich wurde die Musik abgebrochen, die Bühne wurde beleuchtet, natürlich nicht wirklich hell, und die Band begann zu spielen. Tricky drehte dabei seinen Rücken zum Publikum und tanzte schlangenartig, seine Sängerin, ich glaube es war Francesa Belmonte, war, und dies sollte an diesem Abend ihre Hauptaufgabe sein, damit beschäftigt das Geschehen mit einer kleinen Videokamera festzuhalten. Für „Puppy Toy“ ab der neuen CD Knowle West Boy drehte sich nun auch Thaws zum Publikum um und mit dieser bluesigen Duett begann das eigentliche Konzert.

Wie dieses Konzert wirklich aussehen sollte, kündigte sich beim zweiten Titel, „Past Mistake“, an. Begann der mit einem den Gurten erschütternden Bass unterlegte Titel noch wie ab dem Album, übernahm nach dem eigentlichen Ende Thaws das Mikrophon. Dieses schlug er sich nun immer wieder, wie bei einer Selbstgeisselung, gegen seine entblösste Brust und predigte mit einer an Faithless‘ Maxi Jazz erinnernden Ernsthaftigkeit genuschelte Worte ins Publikum. Bei den kommenden Liedern taute der Bristoler noch mehr auf: Mal umarmte er einen Kameramann und führte kurzfristig dessen Kamera, mal liess er sich vom Publikum auf den Händen tragen. War er in einen Song nicht sonderlich involviert, wie dies zum Beispiel beim KlassikerBlack Steel der Fall war, stolzierte er auf der Bühne herum, gab seinen Musikern Anweisungen oder schüttelte bei ausgestreckter Zunge seinen Kopf.

Die wirkliche Darbietung begann allerdings erst richtig 45 Minuten vor Schluss. Die Sängerin hatte kaum das auf Massive Attacks „Karmacoma“ basierende „Overcome“ begonnen, wurde dieser vom Publikum eigentlich begeistert aufgenommene Song abrupt abgebrochen und Tricky schnappte sich beide Mikros. Nun folgte eine sehr freie Version von “Vent”, die den Rest des Konzertes füllen sollte. Dabei wechselten sich Passagen, bei denen Tricky zu zurückhaltender Begleitung das Wort „Pray“ mantraartig immer wieder repetierte und Passagen, die richtiggehend explodierten und die Band zu vollem Einsatz zwangen, ab. Dabei wurden die Explosionen immer grösser und verherender – wie eine sehr, sehr ausgedehnte und kompromisslosere Version von Archives „You Make Me Feel“. Tricky ging immer mehr im Titel auf, warf gelegentlich, wegen dem Effekt oder aus emotionaler Ergriffenheit, das Mikrofon mit lautem Knall auf den Boden, richtete sich auffordernd ans Publikum oder schlug sich mit beiden Mikros gegen die Bust. Zum Ende hin kniete er sich wie zum Gebet auf den Boden und plötzlich begannen Tränen aus seinen Augen zu kullern. Aus diesem Trancezustand konnte er sich nie mehr ganz lösen und als er mit dem langen Mikrofonkabel auch die beiden Mikrofonständer umgeworfen hatte, wurde der Auftritt nach etwa 75 Minuten beendet.

Verstörend, dunkel, verrückt, intensiv! Gut? Ich meine ja.


4 responses so far, want to say something?

  1. Gurtenfestival 2009: Samstag und Sonntag | Out of space :: Blog says:

    [...] Tricky (Konzertbericht siehe hier) habe ich im Gurtensumpf am Samstag und Sonntag noch folgende Konzerte [...]

  2. Bueno88 says:

    Hab Tricky auch auf dem Gurten erlebt. Kannte seine Musik noch nicht, wusste natürlich dass er auf den früheren Alben von Massive Attack (eine meiner Lieblingsbands) dabei war, hatte aber noch nicht die Zeit gefunden, seine Musik zu entdecken. Von daher war ich sehr gespannt auf den Auftritt, und ich war sehr überrascht, eines vom Interessantesten, was ich in meiner Konzert-Geschichte je gesehen habe. Die Energie von Tricky und seiner Band war enorm, das ganze Konzert wie ein Traum, ein Trip. Gleichzeitig wunderschön und verstörend. Den Auftriff werde ich sicherlich noch lange in Erinnerung haben, und das nächste Mal im CD-Laden halte ich garantiert Ausschau nach Tricky-Alben.

  3. grid says:

    Hier findest du sonst noch einiges an Reviews: http://www.out-of-space.ch/bands/Tricky

    Ein wenig zugänglicher ist zum Beispiel “Maxinquaye”, wenn du das erste mal mit Tricky zu tun hast.

  4. Jacques says:

    “Maxinquaye”, das erste Album von Tricky, gilt bei den meisten auch als sein stärkstes. Als MA-Fan wirst du mindestens zwei Tracks darauf teilweise kennen, denn “Karmacoma” und “Eurochild” wurden geschickt wiederverwendet.

    Aber auch das neueste Album, “Knowle West Boy”, ist empfehlenswert, die beiden ersten Titel, die auf dem Gurten gespielt wurden, stammen daraus.

    Der sehr lange Titel, der auf dem Gurten am Schluss gespielt wurde, “Vent” stammt ab “Pre-Millennium Tension”, ist im Original aber viel kürzer. Trotzdem lohnt sich das Album.

Leave a Reply

*

Loudspeaker Igloo “Squeeeque" at the Shift FestivalLoudspeaker Igloo “Squeeeque" at the Shift FestivalWalls of Soap at the Shift FestivalLoudspeaker Igloo “Squeeeque" at the Shift FestivalConcert of Buvette at the Shift FestivalConcert of Nite Jewel at the Shift FestivalConcert of Nite Jewel at the Shift FestivalConcert of Gazelle Twin at the Shift FestivalConcert of Gazelle Twin at the Shift FestivalContainer and LoudspeakersProjection Art Installation at the Shift FestivalProjection Art Installation at the Shift Festival
WordPress SEO fine-tune by Meta SEO Pack from Poradnik Webmastera