Chapters
Startet man diese CD im Player, dann startet man eine Reise quer durch die letzten fünfzehn Jahre (oder mehr) der elektronischen Musikgeschichte. Zwar nicht in ganz alle Aussenposten, aber es wird schon einiges abgefahren und abgegrast, was man schon von einigen Meisterwerken vieler verschiedener Künstler kennt. Und dennoch, der "Zug" King Roc fährt immer in kontrollierten Bahnen und verfolgt einen festen Kurs, auch wenn er durch verschiedene Landschaften fährt.
Los gehts, passend, mit "The Beginning", wie die meisten Tracks auf dem Album eher episch ausgelegt. Das heisst eine Anlaufphase, dann wird Fahrt aufgenommen, der Sound mit Beat ergänzt und der Beat mit Melodie und Instrumenten ergänzt. Das heisst in diesem Fall konstante Streicher und eine stetig gesteigerte, sehr schöne Klaviermelodie. Spätestens wenn die Snaredrum einen Marsch trommelt kann man sich nicht mehr gegen den Drang zum Kopfnicken wehren. Tracks mit so viel Entspanntheit und dennoch so viel Groove und Drive findet man eher selten. Ja, hier ist tatsächlich ein "King" am Werk.
Grosse Namen, an denen man auf der Reise vorbeifährt wie an Landschaften, sind auch M83 und Boards Of Canada. Wie eine Mischung aus diesen beiden klingen mehrere Tracks auf dem Album, "Random Chances" oder "Everything From Nothing", aber vor allem bei "Random Chances" kommt wegen der Geradheit der Beats und den ganzen Wiederholungen unwillkührlich das Bild vom Chemical Brothers-Videoclip zu "Star Guitar" auf. Das erklärt vielleicht diesen ganzen Reise-Vergleich, mit welchem dieses Album hier zu beschreiben versucht wird. Das Bild kommt später auch bei "The Growing Place" wieder auf.
Gesang gibt es eher wenig auf dem Album, lediglich bei "Lunar People" und "Beautiful But Weird". Der Rest ist instrumental, erzeugt aber auch ohne Gesang sehr viel Atmosphäre. Mit sehr vielen Anleihen beim Trip Hop, zum Beispiel bei Massive Attack oder UNKLE, groovt beispielsweise "Phidias Gold" extrem. Auch hier wieder ein sehr gut durchdachter Aufbau, welcher dem Track mit Streichern und einem Basslauf richtiggehend eine Dramaturgie verleiht.
Andere Ausflüge gehen eher zurück in die 90er Jahre und zu Bands wie The Prodigy oder Apex Twin. So rasselt "A Pocket Full Of Prose" mit verzerrten Breakbeats, und bei "Melon Koly Flower" wird eine verzerrte Gitarre ziemlich "auseinandergeschraubt". Obwohl, ganz so hart wie bei The Prodigy wird der Sound nie, es bleibt immer eher in der "Tüftel-Ecke".
Ein wenig von der Spur weg und auf die schräge Bahn führt der Track "DiscoVery#1", mit Raver-Anleihen und 70ties-Sounds. Dies ist aber der einzige Track, der dem sonst sehr trip-hoppigen und meist entspannten Sound ein wenig untreu wird.
Jenen anderen, meist lobenden und bewundernden Kritiken, die auf seiner MySpace-Seite zu lesen sind, können wir uns also auch nur anschliessen. King Roc alias Martin Dawson, der als Einflüsse "Rock, Metal, Some Hip Hop, Breakbeat & Electro, Techno, French House, Deep House & Disco, Electro House, Electro Tech, Deep Tech, Deep Techno, Tech House or Deep Electronic House" (Quelle) angibt, hat mit Chapters ein Album geschaffen, welches sicherlich viele, wenn nicht sogar alle diese Stile irgendwie beinhaltet. Auf jeden Fall ist es sehr abwechslungsreich, mal entspannt, mal sehr elektronisch, dennoch meist durchgängig. Die Endstation, also der letzte Track, heisst übrigens "The End".
(grid)
Reinhören: www.myspace.com/kingrocuk
- The Beginning
- Random Chances
- Lunar People
- The Growing Phrase
- Phidias Gold
- A Pocket Full Of Prose
- Tube Whistle
- Everything From Nothing
- Flow
- DiscoVery#1
- Beautiful But Weird
- Melon Koly Flower
- The End




