Das Hauptproblem war klar auszumachen, es hatte schlicht fast keine Leute. Gemäss einer groben Zählung meinerseits versammelten sich während des Auftritts von Everest gerade mal um die vierzig Personen im Dachstock der Reithalle, was ungefähr der Anzahl Leute entspricht, die mir bei einer grösseren Veranstaltung an ebendiesem Ort auf die Füsse treten. Ob dies an einer ungenügenden Werbung lag (ich zumindest habe in den vorangehenden Tagen in Bern nie ein Poster für dieses Konzert entdecken können), ob Everst schlicht dem Massengeschmack zu fern sind, ob die Konkurrenz von anderen Veranstaltungen zu gross war (siehe hier) oder ob sich der eine oder die andere wegen der samstäglichen Anti-WEF-Demo nicht in die Reitschule getraut hat, vermag ich nicht abzuschätzen. Was die Gründe dafür auch sein mögen, diese Leere führte doch dazu, dass der DJ für nicht vorhandene Tänzer auflegen und die beiden Acts wohl ein bisschen mit ihrer Motivation ringen mussten.
Nach einer circa einenhalbstündigen Darbietung von DJ SWo, dessen Qualität sicher unbestritten ist, der aber aus obigen Gründen diese kaum zur Geltung bringen konnte, betraten die vier Herren von Herpes ö Deluxe die Bühne, die sich an die Dekonstruktion von Eversts neuester Scheibe „Velocell“ (Review siehe hier) machten. Mit Mischpult, Plattenspieler, allerlei technischen Geräten und vor allem vielen Samples ausgerüstet, kreierten die Berner einnehmende Soundflächen, wobei sie sich beim deren Aufbau immer sehr viel Zeit liessen, was schöne Spannungen und Klangbilder erschuf. Eventuell war ab und zu eine Einspielung zu viel und lenkte eher von der Klangstruktur ab als dass sie sich in diese einfügte, aber alles in allem waren diese vierzig Minuten doch überaus gefällig und machten Lust auf das den Hauptact.
Allerdings legte dazwischen noch einmal der DJ auf und der nicht vorhandene Zeitplan und die freundliche, aber wenig informierte Barbedienung hinderten uns daran diese Zeit für das Schnappen von frischer Luft zu benutzen. Allerdings dauerte es auch nicht allzu lange, bis wir Everest, welche hier ihre neue Platte zu taufen gedachten, begrüssen durften. Dank der besseren Boxen kommt deren wunderbare Musik in einem Konzerte doch noch einiges besser zur Geltung als auf meiner Heimanlage. Die Beats waren hübsch verzweigt und komplex und die schönen Melodien ermöglichten es einem in die Musik einzutauchen. Es ist überaus faszinierend, wie die beiden Berner es schaffen luftige und teilweise gar warme Stimmungen zu erzeugen, ohne sich dabei aber auch nur annähernd dem Hörer anzubiedern. Einmal wähnt man sich draussen in der Natur, dann wieder in einer dunklen Science-Fiction-Umgebung und so wandelt sich auch das Tempo von mediativ über treibend bis tanzbar. Gerade live erinnerte mich dies oft an die von mir sehr geliebte Scheibe „To All Things What They Need“ von A Guy Called Gerald, wenn auch die Beats bei Everest sicher komplizierter sind. Schade nur, dass die Visuals, die ich zu Beginn noch als sehr passend empfand, doch recht repetitiv und wenig abwechselnd waren und dass sich der leere Dachstock zumindest bei mir doch als ein kleiner Stimmungskiller entpuppte. Nach nur etwa fünfzig Minuten verliessen die wohl auch etwas enttäuschten Everest die Bühne und übergaben wieder an den DJ.
Ich freue mich, wieder einmal einen sehr begabten Schweizer Act gesehen haben zu dürfen und hoffe sehr, dass Everest den nächsten Auftritt in einem würdigeren Rahmen absolvieren können.
(as)
|