
The Raw Truth
Genres sind so eine Sache. Einige mögen einem per Definition eindeutig und unmissverständlich erscheinen, andere aber haben verschwommene Grenzen und sind nicht klar abgesteckt. Sie versuchen, Rhythmus, Melodie und die beinhalteten Instrumente der Musik ungefähr zuzuordnen, oder zumindest in Sprache darzustellen. Und manchmal will dies, jedenfalls mit geläufigen Begriffen, nicht so recht klappen.
Dies ist hier der Fall: Lynx & Kemo präsentieren mit The Raw Truth ein von diversen Einflüssen geprägtes Album. Grundlage: Drei Kilogramm Bass & Beats, knackig frisch. Dann gebe man einen, eher sogar zwei Suppenlöffel Soul und einen gewaschenen MC dazu, schmeckt alles mit einer Prise guter Laune ab rührt zweimal kräftig, fertig.
Das erste, eher kurze Lied "Camera" beginnt mit angenehm weichen Elektronikflächen, welche noch nichts erahnen lassen. Sogleich aber drängt sich mit behäbiger und abgeklärter Stimme der MC in den Vordergrund und zeigt dem Hörer, worauf er sich in der nächsten Stunde einlässt, denn es werden nicht seine letzten Worte gewesen sein.
Fast nahtlos geht es mit "Apocalypse" weiter, mit praktisch identischem Beat. Ein trockener, minimalistischer Amen Break (welcher auch später wieder oft benutzt wird), mit geraden Viertel-HiHats und einigen Claps. Der MC verliert wieder einige Zeilen, dann plätschert die Instrumentalsektion noch eine Weile weiter, bis ausgeblendet wird.
"Committing Love" ist ein stetig gleich bleibender, behäbiger Frauengesang, welche von einer Trommel begleitet wird, und Nummer Vier ("Tribes") ein undefinierbares Männergebrumme mit Clicks.
Als im fünften Track, "Global Enemies", wieder derselbe Beat wie Anfangs eintritt und meiner Empfindung nach lediglich der Text ein Neuer ist, fange ich an zu begreifen, dass ich beim Hören dieser CD in Zukunft wohl gleich in die zweite Hälfte springen werde.
Nun folgen einige Stücke, welche sich eindeutig am Drum’n’Bass anlehnen: "The Semitones" mit jazzigem Basslauf, einem hübschen Groove, und einziges Lied fast ohne Vocals. "One Love" im Oldskool-Gewand, wieder mit MC, aber nach wie vor durch ein minimalistisches und schnurgerades Schlagzeug geprägt. "Deez Breakz", ohne Ecken und Kanten. "Hotriders" ebenso, wie auch "The Real Thing", hier jedoch wieder mit Frauenstimmen und ehrlich gesagt gar nicht mein Geschmack. Tiefgang ist immer Ansichtssache, hier scheinen sie sich in meinen Augen aber teilweise sogar einen Schwimmring angezogen zu haben, um auch ja an der Oberfläche zu bleiben. Einzig die einfallsreichen und gut produzierten Bassläufe ziehen das ganze ab und zu unter Wasser.
Eingestreut finden sich zwischen den Liedern auch immer wieder Interludes, welche in Richtung Soul und Hip Hop, zuweilen sogar Dubstep gehen, jedoch nur kurz gehalten sind und weder sonderlich Atmosphäre entwickeln noch sich selbst.
Erwähnt sei "Dangerous", ein durch Nutzung in diversen neueren Drum’n’Bass Sets bekanntes Lied und auch mein Favorit. Wer die physikalischen Grenzen seiner Lautsprecher-Membranen ausloten möchte, hat hier ein Werkzeug dazu. Eine massive, tiefe Bassmauer paart sich mit einer gewohnt zurückhaltenden Rhythmussektion, die Kombination passt aber gut und groovt anständig.
Als Fazit bleibt zu sagen, dass den beiden Herren die im Internet ziemlich gross angekündigte neuartige Verschmelzung der verschiedenen Stilrichtungen nur teilweise gelungen ist, und zum Konsum dieser CD eine wohlwollende Haltung zu MCs, Soul und minimalistischem Drum’n’Bass mitgebracht werden sollte. Hat man diese nicht, ist man hier eher falsch beraten.
(nachtkind)
- Camera
- Apocalypse ft. Bongo Collective/Dennis Jones
- Committing Love ft Kate Whitmarsh/Mika Doo
- Tribes ft. Malibu Rhodes
- Global Enemies
- The Semitones
- Glass Jaw
- All You Own ft. Spoonface
- One Love
- Broken Glass ft. Alix Perez and DRS
- Deez Breaks ft. Henree
- Dangerous ft. Alix Perez
- The Raw Truth
- The Real Thing ft. Tali & Vaceo
- Hotriders




