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Review: Benfay

 Hey, what’s wrong baby!

(03.09.10 / Everest)  

Wenn einer sich irgendwo in die Einöde zurückzieht, um in Einsamkeit und Abgeschiedenheit an Musik zu tüfteln, dann sollte man jeweils aufmerksam werden - das haben uns Künstler wie Bon Iver gelehrt. Benfay hat es ihm gleichgetan. Zwar nicht in einer Jagdhütte in Wisconsin, doch immerhin in Wilen bei Sarnen. Mitgenommen wurden nur wenige Instrumente, ein Teil der Musik wurde mit Gegenständen aus dem Haus erzeugt, für einen anderen Teil wurden Klänge von im Haus entdeckten, alten Schallplatten gesampled und verwendet.

Neben den alten Schallplatten hatte zudem der Film "They Live" von John Carpenter Einfluss auf das Album. Der Film von 1988 schlägt sich am offensichtlichsten in den Tracknamen nieder (z.B. "Obey"), aber auch der Albenname ist dem Klassiker entnommen.

Und die Musik? Teils fein zusammengesetzt, beruhigend und entspannt, dann wieder düster, bedrohlich und ein wenig grober. Auffällig sind die vielen klassischen Elemente in der Musik, wie das Horn im ersten Track "Obey". Es ist an dieser Stelle unklar, welche Elemente von den besagten Schallplatten stammen und welche von Benfay gespielt wurden. Klar ist jedoch, dass das Album sehr intim und introvertiert ausgefallen ist. Beispielsweise der Track "No thought", zu Beginn noch relativ trocken im Aufbau, entfaltet sich in der Mitte plötzlich wie eine blühende Blume opernhaftem Frauengesang wie eine Offenbarungsszene in einem epischen Film.

Eine Vielzahl der Tracks sind recht elektronisch und beinhalten einen schätzungsweise eher kleinen Anteil von jenen erwähnten Schallplatten-Samples. Aber gerade diese Abwechslung zwischen kühlen Electro-Stücken und warmen Elementen, wie zum Beispiel der melancholischen Violine in "Nice biscuits", welche bereits innerhalb des Tracks von diesem schabenden elektro-Geräusch zerstört wird, diese Abwechslung macht das Album interessant. Aber auch der Dynamik wird Beachtung geschenkt: Auf Tracks wie "Trains express" mit schrummligem Hip-Hop-Drum-Finale folgen ruhige, zurückhaltende Tracks wie "Submit".

Favoriten sind - neben dem Opener "Obey", das den Hörer schon zu beginn in die richtige Stimmung bringt - sicher der bereits erwähnte Track "No thought", dessen zweiter Teil einigen Songs von Goldfrapp aus deren besseren Zeiten konkurrenz machen könnte, das sehr gefühlsbetonte "Nice biscuits" und das düstere, introvertierte "Esprit 64564".
Andere Tracks stechen weniger hervor, haben nach einigen Hördurchgängen aber auch eher versteckte Reize zu bieten, wie z.B. die ganzen versteckten Microbeats in "Control data corporation".

Benjamin Fay alias Benfay scheint die Abgeschiedenheit gut zu bekommen. Allein in jenem Haus konnte er sich diesen perfektionistisch gestalteten Tracks hingeben und so ein wirklich gelungenes Album abliefern. Wieviel und was genau (ausser den Tracktiteln) nun von John Carpenters Film stammt oder von diesem beeinflusst wurde, ist schwierig zu sagen, letztlich aber auch egal, denn das Album ist so schon ein grosser Tipp an alle, die anspruchsvolle elektronische Musik mögen.

(grid)


Tracks:
  1. Obey
  2. No thought
  3. Rocopon 8008
  4. Nice biscuits
  5. Trains express
  6. Submit
  7. Control data corporation
  8. Oechs 93548
  9. Esprit 64564
  10. Nexen 80R13
  11. Fischer 2550
  12. Portland 6760 (Digital only)
  13. Marry and reproduce (Digital only)
  14. Weightless (Digital only)
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