Review: Björk – Volta

(04.05.2007 / Polydor)

Schon die erste Single Earth Intruders hatte darauf hingedeutet, dass Björk mit dem Anfang Mai erschienenen Volta wieder auf zugänglicheren Pfaden in die Gehörgänge eines breiteren Publikums eindringt. Ohne dabei ihre Vielseitigkeit und Versponnenheit preiszugehen, öffnet sie sich nach dem A-capella-Album “Medulla” und dem für viele verwirrlichen Soundtrackprojekt “Drawing Restraint 9” den Konzessionen einer poppigeren Rezeption, die Musik nicht nur als Kunst und Selbstzweck, sondern schlicht auch als Hörgenuss begreift.

Die klangliche Mischung aus Zugeständnis und Eigenständigkeit kommt bereits im Produktionsprozess des Albums zum Ausdruck: Da sind zum einen die Kooperationen mit den Ikonen des Mainstreams (Timbaland) und dem König der Sonderlinge (Anthony Hagarty von the Johnsons), andererseits spannt sie mit isländischen Blechbläserinnen und kongolesischen Trommlern zusammen. Sie zeigt also einerseits Sinn für taktisches Image-Sponsering, ohne dabei dem klanglichen Produkt, vielleicht in den Augen einiger jedoch der Glaubwürdigkeit zu schaden, arbeitet aber auch mit PartnerInnen abseits des Lichtkegels zusammen. Auch die restliche Instrumentierung zeugt von einem Aufnahmeprozess, der verschiedene Erdkreise und Epochen umspannte, wobei gerade die Beatgestaltung eine hohe Vielseitigkeit aufweist, eine Mischung aus Grobem und Filigranem, aus ethnischer Verankerung und Global-Tribe-Atmosphäre, aus analog und digital.

Für mich, der Björk mit der Zeit nur noch in eingängigeren Remixen ertragen hat, bietet dieses Album die Möglichkeit zur Rückkehr auch zu den verworreneren Songs. Ein hingeknalltes, naiv-kämpferisches Declare Independance mit stampfenden Industrialanleihen ist dabei eine Wohltat durch seine Einfachheit, die vielleicht den Gehörgang auch wieder für die björk’sche Eigentümlichkeit öffnet (z.B. das für mich eher schwierige My Juvenile). Epochal und mit grosser Geste geradzu erklingt Wanderlust mit seinen zum Reisebeginn blasenden Blechinstrumenten, besser vielleicht als Schiffshörner zu bezeichnen. Weitere persönliche Favoriten sind bis jetzt Hope, das von einer so genannten Kora - einem für unsere Breitengrade speziellen Saiteninstrument - begleitet wird, und Innocence (das neben dem hymnischen, treibenden Earth Intruders zu meinen Lieblingen gehört): Elektronisch rhythmisiert, unten grob, oben verspielt, minimal instrumentiert, mit der Stimme als Hauptinstrumentiert, ab und zu ein flächig eindringender Stör-Synth.

Björk ist trotz einer gewissen Hinwendung zum Pop im besten Sinne sehr eigenwillig geblieben - einige scheitern da schon am Cover. Allen anderen, auch ehemaligen Björk-Abstinenzlern wie ich selbst einer war, kann zumindest ein Reinhören empfohlen werden. Für die Beurteilung des Stellenwerts von Volta in ihrem Gesamtwerk ist es sicher noch zu früh. Glücklich jedenfalls, wer Tickets für das ausverkaufte Konzert am Paléo Festival in Nyon hat.

Hört in vier der Songs hier rein.

(w)


Tracks:

  1. Wanderlust
  2. Hunter
  3. Pleasure Is All Mine
  4. Innocence
  5. Army Of Me
  6. I Miss You
  7. Earth Intruders
  8. All Is Full Of Love
  9. Pagan Poetry
  10. Vertebræ By Vertebræ
  11. Declare Independence

Rating: ★★★★★★★★☆☆


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